Coworking und Dritter Ort

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Dritter Ort

Die meisten Menschen haben ein Zuhause, in das sie sich zurückziehen können. Viele verfügen über einen Arbeitsort, der dem Arbeiten gewidmet ist. Heute möchte ich über einen Ort schreiben, dem in der individualisierten Gesellschaft immer weniger Raum gegeben wird: Der so genannte Dritte Ort. Danke für die Inspiration dazu an Christopher (siehe weiter unten).

Gerade in der aktuellen Zeit fällt auf, wie wichtig Dritte Orte für Menschen sind. Was verändert sich, wenn viele plötzlich dort arbeiten dürfen, wo sie wollen – und infolgedessen das Zuhause nicht mehr nur der persönliche Rückzugsort ist? Werden wir ähnliche Phänomene in der Gesellschaft sehen, die Ray Oldenburg in der Stadtentwicklung von künstlichen Vorstadt-Siedlungen in den USA beschreibt, der Mangel des Austausch mit Menschen, die weder zur Familie noch zum Kreis der beruflichen Kolleg:innen zählen? Bieten jetzt und in der Zukunft insbesondere Coworking Spaces dabei einen wichtigen (dritten) Ort an?

Lernen wir den Dritten Ort und seine Besonderheiten erst einmal genauer kennen.

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Bereits in den 1970er Jahren beobachtete und diskutierte der US-Soziologe Ray Oldenburg den Verlust von Orten, in denen Menschen zusammen kommen, ohne dass sie der gleichen Familie angehören, für das gleiche Unternehmen arbeiten oder ein gemeinsames Ziel verfolgen. Denn diese Orte wurden bei der modernen Stadtentwicklung gepaart mit dem Rückzug der Bevölkerung ins Private der ausgelagerten Suburbs ‚vergessen‘. Für sein dann 1989 veröffentlichtes Buch The Great Good Place (2. Auflage) dachte Oldenburg sehr viel darüber nach, wie seine Verteidigungsrede für den wichtigen „Dritten Ort“ außerhalb seiner wissenschaftlichen Community verstanden werden kann.

In a world increasingly rationalized and managed, there must be an effective vocabulary and set of rationales to promote anything that is to survive. … Like an attorney-at-law, I am defending a most worthy client who may be facing oblivion and doing so in a language the jury can understand.
Ray Oldenburg The Great Good Place (Preface)

Der Erste Ort ist das Zuhause, die Familie. Der Zweite Ort ist das Arbeitsleben, dort wo Menschen aufeinander treffen, die für eine Firma oder einen Betrieb eine bestimmte Rolle übernommen haben. Am Dritten Ort einer Gesellschaft finden Menschen unabhängig von diesen Bindungen zusammen.

Die Merkmale des  Dritten Ortes beschreibt Ray Oldenburg in The Great Good Place so:

  • On Neutral Ground – Orte, an denen es jedem Menschen erlaubt ist, ein und aus zu gehen.
  • The Third Place is a Leveler – Es handelt sich um Orte, an denen sozialer Rang mindestens abgeschwächt wird.
  • Conversation is the Main Activity – Der Austausch untereinander ist im Dritten Ort wichtig und ausdrücklich erwünscht.
  • Accessibility and Accommodation – Dritte Orte sind gut zu erreichen und stehen insbesondere zur Verfügung, „to serve people’s needs for sociability and relaxation in the intervals before, between, and after their mandatory appearance elsewhere.“
  • The Regulars – Die am dritten Ort anzutreffenden „Stammgäste“ beleben diese Location und machen die Atmosphäre des Annehmens und des Austausches aus: „It is the regulars whose mood and manner provide the infectious and contagious style of interaction and whose acceptance of new faces is crucial.“
  • A Low Profile – Dieser Ort strotzt nicht vor Design, denn das widerspricht dem Effekt des „Leveler“ von sozialen Unterschieden. Niemand wird sich speziell anziehen, um diesen Ort zu betreten, er ist Teil des Alltags. „When people consider the establishment the ‚in‘ place to be seen, commercialism will reign.“
  • The Mood is Playful – Die Atmosphäre ist von Freude, Spaß und Akzeptanz geprägt: „Here joy and acceptance reign over anxiety and alienation.“
  • A Home Away from Home – Obwohl es Ähnlichkeiten zum Zuhause gibt, ist der Unterschied wichtig: Wohnungen sind private Orte, dritte Orte sind öffentlich. Und doch fühlen sich Menschen am dritten Ort so geborgen und aufgehoben wie in einem idealen Zuhause.

Das sind die Idealvorstellungen für einen Dritten Ort. Sie beschreiben sehr gut, was diese Orte ausmacht, und warum sie für Menschen sehr wichtig sind.

Merkmale / Ray Oldenburg
Der Dritte Ort nach Ray Oldenburg „The Great Good Place“

Dritter Ort und Coworking

Für diejenigen, die sich bereits mit dem Coworking Manifesto und den Coworking Werten beschäftigt haben, klingt das wahrscheinlich sehr vertraut. Der Begriff Coworking wird fälschlicherweise oft auf ein berufliches ‚Getting Things Done‘ beschränkt; dies unterschlägt die vielen mitschwingenden Facetten, die sie zum Dritten Ort machen (können). Passend beschrieb der Journalist Matthias J. Lange nach Besuch unseres Coworking Space zum zweiten Geburtstag in seinem Blog:

Mein Kollege Thomas Gerlach hat für mich den Begriff des dritten Ortes geprägt. Es bezeichnet den Ort, der nicht zu Hause und nicht in der Arbeit ist, sondern den Ort, an dem man seine Ruhe hat und selbstbestimmt seiner Tätigkeit nachkommen kann. Dieser dritte Ort kann der ICE (mit WLAN), das Café (mit WLAN) oder Rayaworx sein.
redaktion42 Arbeiten am dritten Ort in Mallorca

Und jüngst notierte Christopher Schmidhofer vom Coworking Space weXelwirken in Reutlingen in einem längeren Post auf LinkedIn zum Thema (inzwischen auch in diesem Blogbeitrag):

tl;dr: Coworking hat nicht nur mit Verdienstarbeit zu tun – es hat mit einer offenen Gemeinschaft zu tun und ist viel mehr eine Kultur, als Ort des Geldverdienens. Deswegen sind Coworking Spaces sogenannte „dritte Orte“.
Christopher Schmidhofer Linkedin Post

Die Bezeichnung „Coworking“ gewinnt keinen Pokal für die bestmögliche Bezeichnung des neuen Arbeitens in einer Coworking Community und den dort möglichen Erfahrungen – er hat sich jedoch durchgesetzt. Die Silbe und der Anteil des „Co“ in Coworking gehört viel mehr betont, denn dies steht für:

  • COworking – Am gleichen Ort arbeiten aber nicht zwingend am selben Projekt.
  • COmmunity – Eine Gemeinschaft, die offen und willkommend ist für Austausch und Gesellschaft.
  • COlearning – Miteinander und voneinander Lernen, im Alltag oder dafür vorgesehenen Events.
  • COoperation – Möglichkeiten der Kooperation ausloten und so neu oder zumindest anders arbeiten.
  • COcreation – Neues ersinnen und erschaffen – für die Entwicklung und ersten Schritte unseres Coworking-Projekts auf Mallorca war die inspirierende Atmosphäre und das Rückenstärken meiner Coworking Community im Münchner combinat56 sehr wichtig.

Alles Phänomene und Benefits, die es in Coworking Communities mit Dritter Ort-Qualität seit vielen Jahren zu beobachten gibt.

Coworking Core Values
Coworking Core Values • Coworking Werte

Coworking findet Lösungen

Und wenn wir auf die Vereinbarkeit von Familie und Arbeiten oder Selbständigkeit anschauen: Ganz besonders die Coworking Bewegung entwickelt hier wunderbare Antworten, die viel mehr (finanzielle) Unterstützung und Beachtung erhalten sollten, als ihnen gewährt wird. Inspirierende Beispiele zur Nachahmung findet ihr im Beitrag Coworking mit Kind – viel Luft nach oben.

Accessibility in den Coworking Core Values zeigt, Inklusion und Diversity sind der Coworking Szene wichtig. In vielen Coworking Spaces wird der Wert sustainability – sowohl ökologische als auch ökonomische Nachhaltigkeit – mit Leben erfüllt: Jüngst begann sich das Projekt Coworking Climate Coalition zu formen um stärker für Aufmerksamkeit, Wissen und Bewusstsein zu sorgen.

Im Coworking finden wir die Communities, die wir wählen, die uns weiterbringen. Anders als im Unternehmens-Kontext bleibt der Einfluss vieler Parameter auf das Miteinander aus oder zumindest gering: Hierarchien, Karriere-Interessen, Abhängigkeiten, Konkurrenzen, Rollenvorgaben – um nur einige zu nennen. Für mich sind Coworking Spaces daher befreiende Orte und damit für Mensch und Zukunft wichtige Dritte Orte.


Illustration: DoSchu / Rayaworx mit canva.com

Der Beitrag:

Coworking und Dritter Ort

erschien zuerst im Blog

rayaworx.eu

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Doris & Rainer Rayaworx Mallorca
(Foto: Simone Naumann)

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