Europa & Coworking: Vielfalt und Toleranz im Fokus

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Blogillustration Europa

Warum empfinde ich mich als Europäerin und welche Parallelen gibt es zwischen Coworking und Europa? Ein Beitrag zur Blogparade #EuropaUndIch, der sich mit Vielfalt, Toleranz und Freiheitsgedanken auseinandersetzt.

Europa = Vielfalt

In Europa hat jedes Land mindestens eine einzigartige Kultur. Diese europäische Vielfalt ist Menschen, die auf anderen Kontinenten leben, oft schwer vermittelbar. Wer in Deutschland aufwächst und für Freizeit oder Beruf längere Zeit in verschiedenen Bundesländern lebt, nimmt allein hier einiges an kulturellen Unterschieden wahr.

Als gebürtige Kölnerin fällt es mir vielleicht leichter, diese Vielfalt anzuerkennen. Bei uns heisst es ›Jede Jeck es anders‹. Das bedeutet, du hast die Freiheit ›verrückt‹ zu sein, du darfst sein, wie du bist. Wir versuchen, gegenseitig damit klar zu kommen.

Obwohl wir in Europa auf engem Raum mit- und nebeneinander leben, überraschen wir mit starken kulturellen Unterschieden. Ich freue mich, diese in Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Griechenland, Irland, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Spanien, Ungarn auf Reisen selber kennengelernt zu haben. Ich denke, derartige Erlebnisse prägen Toleranz zu anderen Einstellungen und Haltungen.

Hier sind einige dieser kulturellen Eigenheiten, die ich aus eigener Erfahrung kenne:

  • Sprache – Eine einheitliche europäische Sprache gibt es nicht; in jedem Land wird eine eigene Sprache gesprochen, dazu gesellen sich viele Dialekte und weitere Sprachen, die von wenigen Menschen gesprochen werden, gleichzeitig jedoch zur kulturellen Identität gehören (zum Beispiel rätoromanische Sprachen in der Schweiz, Plattdüütsch in Deutschland).
  • Begrüssung – Bei den Begrüßungsritualen reicht die Spannweite von einem einfachen Händedruck bis hin zu herzlichen Umarmungen und Küsschen links und rechts in Frankreich, Italien und Spanien sowie dreifachen Küsschen in der Schweiz.
  • Lebensmittel – Es gibt passend zu den Kulturen grosse Unterschiede in der Nahrungsmittelauswahl. Dazu nehmen die Nähe zum Meer und klimatische Bedingungen gehörigen Einfluss auf die jeweiligen Ernährungsgewohnheiten.
  • Licht – Die Tageslichtzeiten sind verschieden, wie das Projekt ›Finding Europe with Lights‹ auf einer re:publica in Berlin aufzeigte (siehe Finding Europe with Lights: Nr. 32 funkt). Im Sommer wird es im Norden Europas nachts kaum dunkel, dafür gibt es nur wenig Sonnenlicht im Winter.
  • Verkehr – Die Hauptverkehrsmittel, das Angebot öffentlicher Verkehrsmittel und der Stellenwert des Autos im Individualverkehr unterscheiden sich enorm in Europa.

Schreib gerne im Kommentar, welcher Unterschied dir besonders auffällt.

Coworking & Europa

Über die Ursprünge von Coworking gibt es verschiedene Versionen. Die einen sehen die Wurzeln in Europa, andere in den USA. Nach meiner Informationslage war es an einem Ort zum vernetzenden Arbeiten in San Francisco, in dem das Miteinander den Namen Coworking erhielt. Wie dem auch sei – die Arbeitswelten in Europa ›ticken‹ in vielen Aspekten anders als die in den USA.

Daher war und ist es mir wichtig, in dieser so jungen Branche Coworking relevante Inspirationen und Beispiele in Europa zu finden. Gerne reiste ich 2012 gemeinsam mit Sina Brübach-Schlickum, Gründerin des combinat56 in München, nach Paris. Dort schauten wir uns im Rahmen einer mehrtägigen Coworking-Konferenz verschiedene Spaces an. Und auch Lissabon in Portugal bot eine sehr inspirierende Erfahrung an verschiedensten Coworking-Konzepten.

Die Vielfalt Europas, die besteht auch in der Coworking-Bewegung. Es gibt Coworking Communities, in denen sich vorwiegend Freelancer bewegen. Andere werden geprägt von Angestellten aus Unternehmen, die im Coworking Space arbeiten. Es gibt Maker Spaces, Spaces mit Elternbetreuung, Communities von Künstlerinnen und Künstlern – oder alles im Mix. Genau diese Vielfalt ist es, die ich an Coworking liebe.

Gerade gestalteten wir in unserem Coworking Space zum 2. Mal den euCOWORKINGday mit. International gab es schon lange einen Coworking Day – im August! Das ist für die meisten Länder Europas eine Reisemonat, ein ungünstigerer Termin kann hier nur noch in der Weihnachtszeit gefunden werden.

2023 kam endlich Claudius Krucker aus der Schweiz auf die Idee: Ja, warum machen wir nicht an einem anderen Tag in Europa insgesamt aufmerksam auf Coworking? Und so wurde gemeinsam mit der European Coworking Assembly und der German Coworking Federation in Deutschland der Monat Mai für den europäischen Feiertag des Coworking ausgerufen.

Danke Claudius, für deinen Einsatz!

EU = Einheit in der Vielfalt

Bei aller Liebe zur Vielfalt in Europa: Die verschiedenen Währungen in jedem Land vermisse ich kein Stück. Ich bin froh, seit 2002 mit vielen Ländern der EU ohne umständliches Umrechnen Angebote und Rechnungen stellen zu können. Auf der Reise über Österreich nach Italien oder durch Frankreich nach Spanien brauchte ich endlich keine drei Portemonnaies mehr, um passendes Kleingeld parat zu haben.

Apropos Reisen: Wie leicht ist es zu verreisen, wenn es keine Staus vor der Grenze gibt? Mir ist als Europäerin der Freiheitsgedanke der EU-Mitgliedsstaaten enorm wichtig. Neben der freien Reisemöglichkeit gilt in allen Ländern die Meinungs- und Pressefreiheit, es besteht ein freier Handel untereinander, und wir haben die freie Wahl unseres Wohnsitzes.

So habe ich die Freiheit, innerhalb der EU auch meinen Arbeitsort frei zu wählen. Niemand verwehrt es mir, einen Coworking Space als Ausländerin in Spanien zu betreiben. Hier freue ich mich, Coworkers aus verschiedensten Ländern zu begrüssen: Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Kanada, Liechtenstein, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, der Schweiz, Spanien oder den USA.

In vielen Firmen bekommen Angestellte zunehmend Freiheiten, zeitweilig von einem anderen europäischen Land aus zu arbeiten. Dazu habe ich den interessanten Online Salon Talk »Workation & Arbeitsrecht« mit Sabine Hockling & Diana Nier geführt.

Für Freelancer, Solopreneure oder Selbstständige ist es schon lange erlaubt, für viele Wochen und Monate ihren Schreibtisch ins Ausland zu verlagern. Gerade als Dienstleistende stecken wir häufig die eigene Freizeit zurück. Mit einer Workation – am besten mit anderen Freelancers – gewinnen insbesonders Kreative neben Entspannung neue Inspiration.

European Freelancers Week

Tipp • European Freelancers Week (14.-20. Oktober 2024), die als dezentrales Event den enormen Wert, den freiberuflich Tätige für die europäische Wirtschaft und Gesellschaft beitragen, herausstellt. #EFWeek

EU = Verwaltungsblabla?

Die oben angesprochene Vielfalt macht einer zentralen Verwaltung zu schaffen. Was gerne vergessen wird: Wird ein Gesetz auf EU-Ebene beschlossen, ist es an den Mitgliedsländern dies umzusetzen. Dabei wird oft viel zu wenig darüber informiert, wie viele Diskussionen und Konsensgespräche diesen Regelungen vorausgeht.

Oft genug haben die Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Staaten unterschiedliche Standpunkte. Dadurch dauern Entscheidungen lange bis schliesslich ein Kompromiss gefunden wird. Dann geht es in die jeweiligen Länder. Und mit der in der Bevölkerung kurz gehaltenen Information über die langwierigen Entscheidungsfindungen lässt sich dann lokal prima Politik gestalten. Das finde ich sehr schade, denn es ist schon etwas Besonderes, was hier aufgebaut wurde.

Den schlimmsten Fall der Desinformation innerhalb Europas erlebten wir mit dem Brexit-Referendum 2016. Es ist erschreckend, wie erfolgreich gezielte Falschinformationen via Social Media systematisch eingesetzt wurden, um in der Abstimmung eine Mehrheit für den Ausstieg aus der EU zu gewinnen.

Perspektive Coworking in Europa

Neue Arbeitsräume haben durch die Pandemie zunehmend auch im ländlichen Raum an Attraktivität gewonnen. So das Fazit des EU-Projekts COST Action CA 18214 »The geography of new working spaces and the impact on the periphery«. Die Studie beobachtet, dass Wissensarbeitende auf der Suche nach einer höheren Lebensqualität sind, die jenseits der grossen Städte zu finden ist. Für die Wahl ihres neuen Lebens- und Arbeitsort ist insbesondere die Infrastruktur entscheidend, damit ihre »Verbindung zur Welt« bestehen bleiben kann.

»There are promising perspectives for New Working Spaces to expand to less central areas, such as suburban, peripheral and rural areas. Knowledge workers are in search for higher quality of life while they want to be connected to the world.«

Dr. Ilaria Mariotti

Die Corona-Pandemie hat das Thema mobiles Arbeiten in den Mainstream gebracht. Viele Unternehmen und genauso Kommunen und Gemeinden denken inzwischen darüber nach, wie sie ortsunabhängiges Arbeiten in ihre Unternehmenskultur oder Entwicklungspläne integrieren können.

Im Februar-Netzwerktreffen der German Coworking Federation lernten wir von den Impulsgebenden die Erfolgsfaktoren für den Erfolg eines ländlichen Coworking Space:

  1. Lage – Ortsmitte, damit die Wege zu für Freizeit und Arbeiten interessanten Punkten in der Stadt kurz sind.
  2. Interaktion – Intensiver Austausch mit Personen vor Ort über ihre Bedürfnisse.
  3. Coworking+ – Über das Serviceprofil eines Coworking Space in der Stadt hinaus Angebote schaffen, die vor Ort fehlen und als Bedürfnisse geäussert werden.

Ich freue mich, dass im Laufe des EU-Projekts ein Toolkit zur Förderung von Coworking entwickelt wurde. Es konzentriert sich auf politische und planerische Instrumente, um die Entwicklung von »New Work Spaces« in peripheren und ländlichen Gebieten zu fördern und mögliche negative Auswirkungen abzumildern.

Was sind New Work Spaces im Sinne dieses Projekts:

»Permanent or temporary (both formal and informal) spaces for working, which enable collaboration, mutual learning, knowledge sharing, as well as social and spatial relationships among users. These knowledge-related interactions are organized in a work-friendly environment.«

Definition New Working Spaces Ne.W.Sp. Toolkit

Es gibt noch viel zu tun! Das Toolkit zeigte im Abschluss 2024 auf, es fehlt nach wie vor an Wissen zum Thema kollaborative Räume: bei potenziellen Nutzenden, bei möglichen Betreibenden und öffentlichen Akteur:innen. Und das, wo der Begriff Coworking bereits seit 25 Jahren in der Welt ist …

Blogillustration #EuropaUndIch
#EuropaUndIch

Blogparade: Was ist Europa für dich?

Dieser Blogartikel ist ein Beitrag zur Blogparade #EuropaUndIch. »In dieser Blogparade würde mich interessieren, was Europa für euch bedeutet? Alle Geschichten, alle Erlebnisse und Erfahrungen sind willkommen in dieser Blogparade« – schreibt Sven in seiner Einladung.

Vielen Dank für die Anregung, Stephanie / Kleiner Komet: Dein Hinweis führte mich zur Blogparade.


Illustration: DoSchu mithilfe AdobeFirefly generiertes Bild und canva.com für Komposition • Für den Beitrag unterhielt ich mich mit dem KI-Chat PI.ai über kulturelle Unterschiede in Europa und nahm daraus den darin aufgeworfenen Aspekt der Begrüßung mit. Im Rahmen des #kiMOOC24 nahm ich den Blogentwurf und liess mir von ChatGPT4 Verbesserungsvorschläge machen.

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Der Beitrag:

Europa & Coworking: Vielfalt und Toleranz im Fokus

erschien zuerst im Blog

rayaworx.eu

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3 Kommentare zu „Europa & Coworking: Vielfalt und Toleranz im Fokus“

  1. Wer mehr zu dem angesprochenen #kiMOOC24 wissen möchte, liest hier in meinen Blogbeitrag rein:

    https://doschu.com/2024/05/lerntagebuch-kimooc24/

    Liebe Grüße,
    DoSchu

  2. Liebe Doris, auch ich bin dem Hinweis einer anderen Bloggerin gefolgt und ich freue mich sehr über deinen Beitrag. Die Perspektive Coworking und Europa, die du aufzeigst ist mega spannend und passt natürlich perfekt zu dir.

    Hängen geblieben bin ich bei dir direkt am Anfang beim Thema kulturelle Vielfalt und ich glaube, dass wir mit dem rheinischen „Jeder Jeck ist anders“ da gut drauf vorbereitet sind. Denn genau das ist so wunderbar und ich wünsche mir mehr von diesem kölschen Lebensgefühl für ganz Europa. Respekt und Neugier füreinander für mehr miteinander. Einen Einheitsbrei brauchen wir nicht und genau das kann dann auch die Coworking-Szene beleben, denn da geht es ja darum miteinander und jede*r für sich zu arbeiten, unabhängig von Branchen.

    Herzliche Grüße aus dem Rheinland auf die Insel

    1. Liebe Stephanie, oh ja, das wünschen wir uns!

¡HOLA!

(de) Hier bloggen Doris (DoSchu) & Rainer über Coworking, Coworkation, „work anywhere“ sowie aus dem Coworking Space Rayaworx in Santanyí
(en) Doris (DoSchu) & Rainer blog about coworking, coworkation, work anywhere, and news from the coworking space Rayaworx Mallorca

Doris & Rainer Rayaworx Mallorca
(Foto: Simone Naumann)

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